Lektion 4.3

Formulierungen, die Türen öffnen

Ein Beispielgespräch in zwei Fassungen, vier Bausteine für gute Gespräche und zehn Sätze zum Mitnehmen.

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Das Video zu dieser Lektion folgt.

etwa 6 Minuten

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Kennen Sie das? Sie haben sich gut vorbereitet und wissen genau, was Sie sagen wollen. Dann sagt die Lehrkraft einen Satz, der Sie trifft, und plötzlich sagen Sie Dinge, die Sie gar nicht sagen wollten. Das ist zutiefst menschlich. Wenn es um das eigene Kind geht, sind wir alle verletzlich. In dieser Lektion geht es um Formulierungen, die Ihnen helfen, auch in solchen Momenten bei sich und bei Ihrem Ziel zu bleiben.

Die Forschung zur Zusammenarbeit von Familie und Schule zeigt: Viel hängt an der Beziehung. Wie offen geredet wird, wie gut man zusammenarbeitet, wie Eltern und Lehrkraft miteinander umgehen. Bei ADHS zeigt eine große Übersicht außerdem, dass die Beziehung zur Lehrkraft mit darüber entscheidet, ob Hilfen in der Klasse greifen. Ihre Worte sind dabei Ihr wichtigstes Werkzeug.

Schauen wir uns dazu ein Beispiel an. Es ist ein ausgedachtes Gespräch, gesprochen von zwei Sprecherinnen. Zuerst in einer ungünstigen Fassung.

Sie haben es sicher bemerkt. Die Mutter hat in vielem recht. Ihr Sohn ist belastet, und daran muss sich etwas ändern. Aber ihre Sätze klingen wie Vorwürfe. Die Lehrerin verteidigt sich, und am Ende reden beide aneinander vorbei. Niemand hat es böse gemeint, und trotzdem ist nichts gewonnen.

Jetzt dasselbe Gespräch noch einmal. Gleiche Lage, gleiche Sorgen, andere Worte.

Was hat sich verändert? Vier Dinge.

Erstens: Beobachtung statt Vorwurf. Die Mutter sagt nicht mehr: Sie überfordern ihn. Sie sagt: Mir fällt auf, dass er nach dem Sportunterricht oft sehr aufgewühlt nach Hause kommt. Eine Beobachtung lädt ein, gemeinsam hinzuschauen.

Zweitens: Ich-Botschaften. Der Satz „Ich mache mir Sorgen“ ist schwer zurückzuweisen. Der Satz „Sie kümmern sich nicht“ fordert Widerspruch heraus. Ehrlich gesagt: Ich-Botschaften sind nicht eigens erforscht. Sie sind aber eine bewährte Art, die eigene Sorge zu zeigen, ohne den anderen anzugreifen.

Drittens: das gemeinsame Ziel. Wir wollen beide, dass Ben gut durch den Vormittag kommt. Mit diesem Satz wechselt die Mutter die Seite, vom Gegenüber zum Nebeneinander.

Viertens: offene Fragen. Was klappt bei ihm schon gut? Woran merken Sie, dass es schwierig wird? Solche Fragen holen das Wissen der Lehrkraft ins Gespräch. Und sie zeigen: Ich nehme Sie als Fachfrau ernst.

Ein Moment aus dem Gespräch ist mir besonders wichtig. Die Lehrerin sagt: Bei mir ist er ganz unauffällig. Diesen Satz hören viele Eltern. Und oft stimmt er sogar. Viele Kinder, gerade autistische Kinder, strengen sich in der Schule enorm an und lassen die Spannung erst zu Hause los. Fachleute sprechen von Masking, also vom Verbergen der eigenen Schwierigkeiten. Sie müssen der Lehrkraft dann nicht widersprechen. Sie können sagen: Zu Hause erleben wir etwas anderes als Sie in der Schule. Beides kann stimmen. Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was dahintersteckt.

Und wenn es doch hitzig wird? Dann hilft eine einfache Reihenfolge. Zuerst verstehen: Wie erleben Sie die Situation? Dann die eigene Sorge benennen. Dann gemeinsam eine Lösung suchen, die für beide passt. Diese Reihenfolge stammt aus einem Ansatz für die Arbeit mit Kindern, der dort gut untersucht ist. Für Gespräche zwischen Eltern und Lehrkräften gibt es dazu keine Studien. Als Haltung hat sie sich in unserer Arbeit aber auch dort bewährt. Und wenn Sie merken, dass Sie gleich etwas Scharfes sagen, dürfen Sie innehalten. Ein Satz wie „Ich brauche einen Moment“ ist kein Zeichen von Schwäche.

Unter diesem Video finden Sie zehn Sätze zum Mitnehmen. Es sind keine Zauberformeln, sondern Vorschläge. Passen Sie sie an Ihre eigene Sprache an. Ein Satz, der nicht nach Ihnen klingt, hilft im Gespräch wenig.

Mein Vorschlag für diese Woche: Suchen Sie sich zwei der zehn Sätze aus und schreiben Sie sie auf Ihren Spickzettel aus der letzten Lektion. Wenn Sie mögen, sagen Sie sie einmal laut, bevor Sie zur Schule gehen. Was man einmal ausgesprochen hat, kommt im Gespräch leichter über die Lippen.

Warum Worte so viel ausmachen

In einer großen Metaanalyse über 117 Studien zur Zusammenarbeit von Familie und Schule gehörten Beziehungsprozesse zu den wirksamen Bausteinen: wie Eltern und Lehrkräfte miteinander kommunizieren, wie sie zusammenarbeiten und wie gut ihre Beziehung ist. Die Studien stammen überwiegend aus den USA und betreffen Kinder allgemein.

Gut belegt: Quellen anzeigen

Bei ADHS beeinflussen die Beziehung zur Lehrkraft und die Art, wie die Beteiligten über ADHS denken, ob schulische Hilfen wirken. Wie Sie über Ihr Kind sprechen, prägt also mit, wie die Schule es sieht.

Belegt: Quellen anzeigen

Das Beispielgespräch

Ben ist zehn Jahre alt, autistisch und hat ADHS. Seine Mutter hat um ein Gespräch mit der Klassenlehrerin gebeten, weil er an Sporttagen sehr aufgewühlt nach Hause kommt. Das Gespräch gibt es in zwei Fassungen. Im Kurs hören Sie es als Szene mit zwei Sprecherinnen.

Die Sorge der Mutter ist in beiden Fassungen dieselbe. Verändert hat sich, wie sie sie ausspricht. Ob früheres Umziehen Ben wirklich hilft, zeigt erst das Ausprobieren. Das Beispiel zeigt die Art der Gesprächsführung, nicht die richtige Lösung für jedes Kind.

Vier Bausteine für gute Gespräche

Beobachtung statt Vorwurf

Beschreiben Sie, was Sie gesehen haben, statt zu bewerten, wer schuld ist.

  • Statt „Sie überfordern ihn“: „Mir fällt auf, dass er nach dem Sportunterricht oft sehr aufgewühlt nach Hause kommt.“

Ich-Botschaften

Sprechen Sie von Ihrem eigenen Erleben und nennen Sie den Grund.

  • Statt „Sie kümmern sich nicht“: „Ich mache mir Sorgen, weil er abends kaum zur Ruhe kommt.“

Gut belegt ist, dass die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Lehrkraft zu den wirksamen Bausteinen der Zusammenarbeit gehört. Bei Familien autistischer Kinder ging eine starke Zusammenarbeit außerdem mit weniger Stress bei den Eltern einher. Beobachtungen und Ich-Botschaften selbst sind nicht eigens erforscht. Sie sind aber in Beratung und Schulpraxis breit bewährt, weil sie die Sorge deutlich machen, ohne das Gegenüber anzugreifen. Praktisch heißt das: Probieren Sie es aus und achten Sie darauf, wie Ihr Gegenüber reagiert.

Praxiserfahrung: Quellen anzeigen

Das gemeinsame Ziel

Benennen Sie früh im Gespräch, was Sie beide wollen.

  • „Ich glaube, wir wollen beide, dass Ben gut durch den Vormittag kommt.“

Das am besten untersuchte Modell gemeinsamer Beratung von Eltern und Lehrkraft beginnt damit, dass beide zusammen beschreiben, worum es geht, und dann ihr Vorgehen für Schule und Zuhause abstimmen. In einer Studie an Grundschulen hielten die Verbesserungen bei Verhalten und sozialen Fähigkeiten auch ein Jahr später noch an. Das Modell wurde vor allem in den USA geprüft und nicht speziell für Autismus oder ADHS.

Belegt: Quellen anzeigen

Dafür gibt es gute Studien. Die Ergebnisse sind nicht ganz einheitlich.

Offene Fragen

Fragen Sie nach dem, was gelingt, und nach konkreten Situationen.

  • „Was klappt bei ihm schon gut?“
  • „Woran merken Sie, dass es für ihn schwierig wird?“

Solche Fragen zeigen der Lehrkraft, dass Sie ihr Fachwissen ernst nehmen. Und sie bringen Informationen ins Gespräch, die Sie sonst nicht bekommen würden.

Wenn Ihr Kind in der Schule unauffällig wirkt

Der Satz „Bei uns ist er ganz unauffällig“ ist für viele Eltern schwer zu hören. Er klingt, als würde ihre Sorge nicht geglaubt. Oft beschreibt er aber genau das, was passiert.

Viele autistische Kinder und Jugendliche verbergen oder überspielen ihre Schwierigkeiten, zum Beispiel indem sie Verhalten anderer nachahmen oder sich zu Blickkontakt zwingen. Fachleute nennen das Masking oder Camouflaging. Es kommt bei Mädchen häufiger vor und hängt mit schlechterer seelischer Gesundheit zusammen. Die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation hält ausdrücklich fest, dass manche autistische Menschen durch außergewöhnliche Anstrengung in vielen Situationen unauffällig wirken.

Belegt: Quellen anzeigen

Ein unauffälliger Schultag ist deshalb kein Gegenbeweis für Ihre Beobachtungen zu Hause. Sie müssen der Lehrkraft aber auch nicht widersprechen. Ein guter Satz ist: „Zu Hause erleben wir etwas anderes als Sie in der Schule. Beides kann stimmen. Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was dahintersteckt.“ Mehr dazu in der Lektion Masking.

Wenn es hitzig wird

Manchmal kippt ein Gespräch trotz guter Vorbereitung. Dann hilft eine einfache Reihenfolge:

  1. Verstehen: „Wie erleben Sie die Situation?“
  2. Die eigene Sorge benennen: „Meine Sorge ist, dass …“
  3. Gemeinsam eine Lösung suchen: „Was könnte für Sie und für uns passen?“

Diese Reihenfolge stammt aus dem Ansatz Collaborative and Proactive Solutions (CPS). Er wurde für die Arbeit mit Kindern mit starkem Trotzverhalten entwickelt und war dort in zwei randomisierten Studien so wirksam wie ein klassisches Elterntraining. Für Gespräche zwischen Eltern und Lehrkräften ist er nicht untersucht. Wir übertragen ihn hier als Gesprächshaltung, weil er sich in unserer Arbeit bewährt hat. Praktisch heißt das: Nutzen Sie die drei Schritte als Geländer und schauen Sie, ob sie Ihnen helfen, ruhig zu bleiben.

Praxiserfahrung: Quellen anzeigen

Aus unserer Erfahrung helfen außerdem:

  • Innehalten dürfen. „Ich brauche einen Moment, um darüber nachzudenken.“ Dieser Satz verschafft Ihnen Zeit, ohne dass etwas zerbricht.
  • Vertagen dürfen. „Ich merke, dass mich das gerade sehr bewegt. Können wir in einer Woche weitersprechen?“
  • Nicht per Mail weiterstreiten. Eine Mail im Ärger ist schnell geschrieben und lange wirksam. Schlafen Sie eine Nacht darüber.

Wenn Gespräche dauerhaft nicht mehr tragen, finden Sie weitere Wege in der Lektion Wenn es schwierig wird.

Zehn Sätze zum Mitnehmen

Passen Sie die Sätze an Ihre eigene Sprache an. Ein Satz, der nicht nach Ihnen klingt, hilft im Gespräch wenig.

  1. „Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen.“
  2. „Ich glaube, wir wollen beide, dass …“
  3. „Mir ist aufgefallen, dass …“
  4. „Ich mache mir Sorgen, weil …“
  5. „Was klappt bei ihm schon gut?“
  6. „Woran merken Sie, dass es für sie schwierig wird?“
  7. „Zu Hause erleben wir etwas anderes als Sie in der Schule. Beides kann stimmen.“
  8. „Was bräuchten Sie, damit das im Unterricht machbar ist?“
  9. „Können wir das bis zu einem festen Termin ausprobieren und dann gemeinsam schauen, wie es läuft?“
  10. „Damit wir dasselbe Bild haben, fasse ich kurz zusammen, was wir vereinbart haben.“

Wie Sie nach dem Gespräch gut nachfassen, zeigt die Lektion Nach dem Gespräch.

WerkzeugGesprächsvorbereiter

Ihr Schritt für diese Woche

Suchen Sie sich zwei der zehn Sätze aus und schreiben Sie sie auf Ihren Spickzettel im Gesprächsvorbereiter. Sagen Sie sie einmal laut, bevor Sie zur Schule gehen. Was man einmal ausgesprochen hat, kommt im Gespräch leichter über die Lippen.

Das Wichtigste

  • Beobachtungen laden zum gemeinsamen Hinschauen ein, Vorwürfe zum Verteidigen.
  • Ich-Botschaften zeigen Ihre Sorge, ohne die Lehrkraft anzugreifen.
  • Ein gemeinsames Ziel macht aus dem Gegenüber ein Nebeneinander.
  • Offene Fragen holen das Wissen der Lehrkraft ins Gespräch.
  • Wenn Ihr Kind in der Schule unauffällig wirkt und zu Hause zusammenbricht, können beide Sichtweisen stimmen.

Kurz nachgedacht

Freiwillig. Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern ums Erinnern.

  1. Welcher dieser Sätze ist eine Ich-Botschaft?

  2. Die Lehrerin sagt: „Bei mir ist er ganz unauffällig.“ Welche Antwort hält das Gespräch offen?

  3. Was weiß die Forschung über Ich-Botschaften?

Ihr nächster Schritt

Ein Plan nach dem Muster „Wenn …, dann …“ macht es leichter, etwas im Alltag wirklich zu tun.

  • Wenn die Lehrkraft einen Satz sagt, der mich trifft, dann atme ich einmal durch und sage: „Ich brauche einen Moment, um darüber nachzudenken.“
  • Wenn ich merke, dass ich gleich einen Vorwurf mache, dann beginne ich den Satz stattdessen mit „Mir ist aufgefallen, dass“.

Zum Nachdenken

Quellen dieser Lektion (8)
  1. Sheridan SM, Smith TE, Moorman Kim E, Beretvas SN, Park S (2019) A Meta-Analysis of Family-School Interventions and Children's Social-Emotional Functioning: Moderators and Components of Efficacy Review of Educational Research 89(2):296-332
  2. Moore DA, Richardson M, Gwernan-Jones R, et al. (2019) Non-Pharmacological Interventions for ADHD in School Settings: An Overarching Synthesis of Systematic Reviews Journal of Attention Disorders 23(3):220-233 (online 2015)
  3. Krakovich TM, McGrew JH, Yu Y, Ruble LA (2016) Stress in Parents of Children with Autism Spectrum Disorder: An Exploration of Demands and Resources J Autism Dev Disord 46(6):2042-2053
  4. Sheridan SM, Witte AL, Wheeler LA, Eastberg SRA et al. (2019) Conjoint behavioral consultation in rural schools: Do student effects maintain after 1 year? School Psychology 34(4):410-420
  5. Cook J, Hull L, Crane L, Mandy W (2021) Camouflaging in autism: A systematic review Clinical Psychology Review 89:102080
  6. World Health Organization. ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6A02 Autism spectrum disorder (Version 2025-01)
  7. Ollendick TH, Greene RW, Austin KE, Fraire MG et al. (2016) Parent Management Training and Collaborative & Proactive Solutions: A Randomized Control Trial for Oppositional Youth J Clin Child Adolesc Psychol 45(5):591-604
  8. Murrihy RC, Drysdale SAO, Dedousis-Wallace A, Rémond L et al. (2023) Community-Delivered Collaborative and Proactive Solutions and Parent Management Training for Oppositional Youth: A Randomized Trial Behav Ther 54(2):400-417
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Inhaltlicher Stand: 2026-10-18