Warum Worte so viel ausmachen
In einer großen Metaanalyse über 117 Studien zur Zusammenarbeit von Familie und Schule gehörten Beziehungsprozesse zu den wirksamen Bausteinen: wie Eltern und Lehrkräfte miteinander kommunizieren, wie sie zusammenarbeiten und wie gut ihre Beziehung ist. Die Studien stammen überwiegend aus den USA und betreffen Kinder allgemein.
Gut belegt: Quellen anzeigen
Dafür gibt es starke Forschung, zum Beispiel Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Übersichtsstudien.
Bei ADHS beeinflussen die Beziehung zur Lehrkraft und die Art, wie die Beteiligten über ADHS denken, ob schulische Hilfen wirken. Wie Sie über Ihr Kind sprechen, prägt also mit, wie die Schule es sieht.
Belegt: Quellen anzeigen
Dafür gibt es gute Studien. Die Ergebnisse sind nicht ganz einheitlich.
Das Beispielgespräch
Ben ist zehn Jahre alt, autistisch und hat ADHS. Seine Mutter hat um ein Gespräch mit der Klassenlehrerin gebeten, weil er an Sporttagen sehr aufgewühlt nach Hause kommt. Das Gespräch gibt es in zwei Fassungen. Im Kurs hören Sie es als Szene mit zwei Sprecherinnen.
Die Sorge der Mutter ist in beiden Fassungen dieselbe. Verändert hat sich, wie sie sie ausspricht. Ob früheres Umziehen Ben wirklich hilft, zeigt erst das Ausprobieren. Das Beispiel zeigt die Art der Gesprächsführung, nicht die richtige Lösung für jedes Kind.
Vier Bausteine für gute Gespräche
Beobachtung statt Vorwurf
Beschreiben Sie, was Sie gesehen haben, statt zu bewerten, wer schuld ist.
- Statt „Sie überfordern ihn“: „Mir fällt auf, dass er nach dem Sportunterricht oft sehr aufgewühlt nach Hause kommt.“
Ich-Botschaften
Sprechen Sie von Ihrem eigenen Erleben und nennen Sie den Grund.
- Statt „Sie kümmern sich nicht“: „Ich mache mir Sorgen, weil er abends kaum zur Ruhe kommt.“
Gut belegt ist, dass die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Lehrkraft zu den wirksamen Bausteinen der Zusammenarbeit gehört. Bei Familien autistischer Kinder ging eine starke Zusammenarbeit außerdem mit weniger Stress bei den Eltern einher. Beobachtungen und Ich-Botschaften selbst sind nicht eigens erforscht. Sie sind aber in Beratung und Schulpraxis breit bewährt, weil sie die Sorge deutlich machen, ohne das Gegenüber anzugreifen. Praktisch heißt das: Probieren Sie es aus und achten Sie darauf, wie Ihr Gegenüber reagiert.
Praxiserfahrung: Quellen anzeigen
Studien dazu gibt es kaum. Fachleute empfehlen es aus breiter Erfahrung. Probieren Sie es aus und beobachten Sie, ob es passt.
- Sheridan SM, Smith TE, Moorman Kim E, Beretvas SN, Park S (2019) A Meta-Analysis of Family-School Interventions and Children's Social-Emotional Functioning: Moderators and Components of Efficacy Review of Educational Research 89(2):296-332 · MetaanalysePrüfung laut Dossier: ERIC.
- Krakovich TM, McGrew JH, Yu Y, Ruble LA (2016) Stress in Parents of Children with Autism Spectrum Disorder: An Exploration of Demands and Resources J Autism Dev Disord 46(6):2042-2053 · Sekundäranalyse zweier RCTsPrüfung laut Dossier: PubMed.
Das gemeinsame Ziel
Benennen Sie früh im Gespräch, was Sie beide wollen.
- „Ich glaube, wir wollen beide, dass Ben gut durch den Vormittag kommt.“
Das am besten untersuchte Modell gemeinsamer Beratung von Eltern und Lehrkraft beginnt damit, dass beide zusammen beschreiben, worum es geht, und dann ihr Vorgehen für Schule und Zuhause abstimmen. In einer Studie an Grundschulen hielten die Verbesserungen bei Verhalten und sozialen Fähigkeiten auch ein Jahr später noch an. Das Modell wurde vor allem in den USA geprüft und nicht speziell für Autismus oder ADHS.
Belegt: Quellen anzeigen
Dafür gibt es gute Studien. Die Ergebnisse sind nicht ganz einheitlich.
- Sheridan SM, Witte AL, Wheeler LA, Eastberg SRA et al. (2019) Conjoint behavioral consultation in rural schools: Do student effects maintain after 1 year? School Psychology 34(4):410-420 · Cluster-RCT, Follow-upPrüfung laut Dossier: PubMed.
Offene Fragen
Fragen Sie nach dem, was gelingt, und nach konkreten Situationen.
- „Was klappt bei ihm schon gut?“
- „Woran merken Sie, dass es für ihn schwierig wird?“
Solche Fragen zeigen der Lehrkraft, dass Sie ihr Fachwissen ernst nehmen. Und sie bringen Informationen ins Gespräch, die Sie sonst nicht bekommen würden.
Wenn Ihr Kind in der Schule unauffällig wirkt
Der Satz „Bei uns ist er ganz unauffällig“ ist für viele Eltern schwer zu hören. Er klingt, als würde ihre Sorge nicht geglaubt. Oft beschreibt er aber genau das, was passiert.
Viele autistische Kinder und Jugendliche verbergen oder überspielen ihre Schwierigkeiten, zum Beispiel indem sie Verhalten anderer nachahmen oder sich zu Blickkontakt zwingen. Fachleute nennen das Masking oder Camouflaging. Es kommt bei Mädchen häufiger vor und hängt mit schlechterer seelischer Gesundheit zusammen. Die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation hält ausdrücklich fest, dass manche autistische Menschen durch außergewöhnliche Anstrengung in vielen Situationen unauffällig wirken.
Belegt: Quellen anzeigen
Dafür gibt es gute Studien. Die Ergebnisse sind nicht ganz einheitlich.
- Cook J, Hull L, Crane L, Mandy W (2021) Camouflaging in autism: A systematic review Clinical Psychology Review 89:102080 · Systematisches Review
- World Health Organization. ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6A02 Autism spectrum disorder (Version 2025-01) · KlassifikationPrüfung laut Dossier: Originaltext gelesen.
Ein unauffälliger Schultag ist deshalb kein Gegenbeweis für Ihre Beobachtungen zu Hause. Sie müssen der Lehrkraft aber auch nicht widersprechen. Ein guter Satz ist: „Zu Hause erleben wir etwas anderes als Sie in der Schule. Beides kann stimmen. Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was dahintersteckt.“ Mehr dazu in der Lektion Masking.
Wenn es hitzig wird
Manchmal kippt ein Gespräch trotz guter Vorbereitung. Dann hilft eine einfache Reihenfolge:
- Verstehen: „Wie erleben Sie die Situation?“
- Die eigene Sorge benennen: „Meine Sorge ist, dass …“
- Gemeinsam eine Lösung suchen: „Was könnte für Sie und für uns passen?“
Diese Reihenfolge stammt aus dem Ansatz Collaborative and Proactive Solutions (CPS). Er wurde für die Arbeit mit Kindern mit starkem Trotzverhalten entwickelt und war dort in zwei randomisierten Studien so wirksam wie ein klassisches Elterntraining. Für Gespräche zwischen Eltern und Lehrkräften ist er nicht untersucht. Wir übertragen ihn hier als Gesprächshaltung, weil er sich in unserer Arbeit bewährt hat. Praktisch heißt das: Nutzen Sie die drei Schritte als Geländer und schauen Sie, ob sie Ihnen helfen, ruhig zu bleiben.
Praxiserfahrung: Quellen anzeigen
Studien dazu gibt es kaum. Fachleute empfehlen es aus breiter Erfahrung. Probieren Sie es aus und beobachten Sie, ob es passt.
- Ollendick TH, Greene RW, Austin KE, Fraire MG et al. (2016) Parent Management Training and Collaborative & Proactive Solutions: A Randomized Control Trial for Oppositional Youth J Clin Child Adolesc Psychol 45(5):591-604 · RCT (3 Arme)Prüfung laut Dossier: PubMed.
- Murrihy RC, Drysdale SAO, Dedousis-Wallace A, Rémond L et al. (2023) Community-Delivered Collaborative and Proactive Solutions and Parent Management Training for Oppositional Youth: A Randomized Trial Behav Ther 54(2):400-417 · Randomisierte kontrollierte StudiePrüfung laut Dossier: PubMed.
Aus unserer Erfahrung helfen außerdem:
- Innehalten dürfen. „Ich brauche einen Moment, um darüber nachzudenken.“ Dieser Satz verschafft Ihnen Zeit, ohne dass etwas zerbricht.
- Vertagen dürfen. „Ich merke, dass mich das gerade sehr bewegt. Können wir in einer Woche weitersprechen?“
- Nicht per Mail weiterstreiten. Eine Mail im Ärger ist schnell geschrieben und lange wirksam. Schlafen Sie eine Nacht darüber.
Wenn Gespräche dauerhaft nicht mehr tragen, finden Sie weitere Wege in der Lektion Wenn es schwierig wird.
Zehn Sätze zum Mitnehmen
Passen Sie die Sätze an Ihre eigene Sprache an. Ein Satz, der nicht nach Ihnen klingt, hilft im Gespräch wenig.
- „Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen.“
- „Ich glaube, wir wollen beide, dass …“
- „Mir ist aufgefallen, dass …“
- „Ich mache mir Sorgen, weil …“
- „Was klappt bei ihm schon gut?“
- „Woran merken Sie, dass es für sie schwierig wird?“
- „Zu Hause erleben wir etwas anderes als Sie in der Schule. Beides kann stimmen.“
- „Was bräuchten Sie, damit das im Unterricht machbar ist?“
- „Können wir das bis zu einem festen Termin ausprobieren und dann gemeinsam schauen, wie es läuft?“
- „Damit wir dasselbe Bild haben, fasse ich kurz zusammen, was wir vereinbart haben.“
Wie Sie nach dem Gespräch gut nachfassen, zeigt die Lektion Nach dem Gespräch.
WerkzeugGesprächsvorbereiterIhr Schritt für diese Woche
Suchen Sie sich zwei der zehn Sätze aus und schreiben Sie sie auf Ihren Spickzettel im Gesprächsvorbereiter. Sagen Sie sie einmal laut, bevor Sie zur Schule gehen. Was man einmal ausgesprochen hat, kommt im Gespräch leichter über die Lippen.